
(Alfred Hitchcock, 1948)
Die, in ihrem Weltbild bestehende, moralische Überlegenheit des Übermenschen zelebrierend ermorden die beiden Studenten Brandon (John Dall) und Phillip (Farley Granger) ihren ehemaligen Klassenkameraden David (Dick Hogan) und feiern ihre Tat auf makaberste Weise, indem sie das nähere private Umfeld des Opfers auf eine Party einladen. Neben den Eltern fordern sie seine Freundin, deren Ex-Freund und nahestehenden Genossen der Leiche, Cadell (James Stewart), der einer ihrer ehemaligen Lehrer ist, und als Vorwand auch die Leiche selbst zum Kommen auf. Bevor die Festivität jedoch ihren Anfang findet, arrangieren die beiden Mörder das Buffet um, verstecken die Leiche in einer Holztruhe und richten das Festmahl auf der geschlossenen Kiste an, um ihre Selbstzelebrierung auf die Spitze zu treiben. Cadell war derjenige, der die beiden philosophisch geprägt hat, der ihnen die "Kunst des Mordes" eingetrichtert und - nicht wissend - den Grundstein zu ihrer furchtbaren Tat gelegt hat. Während der Party entsteht eine angespannte Stimmung, ausgelöst einerseits durch das Nichterscheinen der Mutter Davids, deren Platz als Begleiterin des Vaters stattdessen ihre Schwester einnimmt, und andererseits auch durch das unfreiwillige Wiedersehen des ehemaligen Paares. Auf die Spitze getrieben wird die ungemütlicher Atmosphäre durch eine hitzige Diskussionen über die Theorie des Übermenschen, an der Phillip, durch die Tat verunsichert, den Verstand vollständig zu verlieren scheint. Durch sein anschwellendes Gefühl der Schuld droht er den perfekten Mord der beiden auffliegen zu lassen.
"Rope" wird oft als eher experimentelles Werk des englischen Regiekünstlers betrachtet, was Hitchcock in späteren Jahren sogar selbst untermauerte. Bei diesem 1948 erschienenen Film handelt es sich sowohl um Hitchcocks ersten Farbfilm als auch um seine kinematografisch ambitionierteste Arbeit. Der in nur elf Einstellungen abgedrehte Film wird von Cineasten besonders durch seinen konsequenten Einsatz des continuity editings (auch unsichtbarer Schnitt genannt) hoch eingeschätzt. Durch die limitierte Länge des Filmmaterials, das im Magazin der damaligen Kameras Platz fand, war es Hitchcock nicht möglich "Rope" in noch längeren Takes abzufilmen, wodurch er sich dazu gezwungen sah, zumindest die Illusion derartiger Planeinstellungen zu evozieren. Dies gelang ihm durch jene oben bereits genannten unsichtbaren Schnitte, die er verwirklichte, indem er die Linse durch einen extremen Zoom oder einen vorbeilaufenden Charakter kurz blockierte, um die Rollen zu wechseln und die Szene anschließend wieder fortzusetzen. Im Final Cut finden sich sowohl fünf gewöhnliche, harte Schnitte, als auch fünf unsichtbare.
Den einzigen Achsensprung, den man im Film miterlebt, findet sich bereits als Schnitt zwischen den ersten beiden Szenen. Die erste Einstellung ist die einzige die nicht innerhalb des Studios gedreht wurde, sondern einen statischen Blick vom Dach einen Hauses hinunter in die Straßen wirft. Der Szenenwechsel wird in ihr bereits akustisch durch den typisch Hitchcock'schen Schrei des Opfers eingeleitet. Die Kamera wendet sich anschließend vom Geschehen der Straße ab und nimmt ein Fenster ins Bild, das sie beim Achsensprung quasi "durchspringt". Durch das direkt folgende Close-Up des Opfers entmystifiziert Hitchcock den einleitenden Schrei und führt uns erst dann in die Geschichte ein, die Hintergründe nur langsam offenbarend. Interessant ist, dass "Rope" deutlich länger wirkt, als er tatsächlich ist, ohne dass ich dem Film hier eine Langatmigkeit unterstellen möchte. Fakt ist, dass der Film durch seine Entwicklung und Dialoglastigkeit ein Gefühl von einer Laufzeit von 80 Minuten leicht übersteigt. In seinem famosen Interview mit François Truffaut hat Hitchcock einst sogar ausgesagt, dass das Geschehen im Film etwa eine Zeit von 100 Minuten einnimmt, und trotz seiner Vollständigkeit im Final Cut 20 Minuten kürzer ist.
Wie Hitchcock später in seiner Karriere betonte, konnte er der Handlung seines Filmes selbst nicht viel abgewinnen, sie eignete sich jedoch hervorragend für sein technisches Experiment. Auch James Stewart erklärte, dass "Rope" die einzige seiner Kollaborationen mit Hitchcock gewesen sei, die ihm nicht gefiel. Er selbst empfand sich in seiner Rolle als Cadell gar fehlbesetzt. Dass der Reiz des Films in erster Linie von technischer Natur ist, will ich nicht bestreiten, allerdings wäre es dem Drehbuch gegenüber unfair zu sagen, dass die Handlung nichts zu bieten hätte. Zwar wirkt die charakterliche Entwicklung im Falle von Phillip etwas überhastet und auch die emotionalen Eruptionen wirken zum Teil etwas zu akzentuiert, doch das ändert nichts am durchaus sehenswerten Psychoduell zwischen Brandon, Phillip und Cadell. Interessant wäre eventuell auch eine Umsetzung nach der ersten Drehbuchfassung Arthur Laurents gewesen, die den Mord zu Beginn des Films völlig weggelassen hätte, um dem Film dramaturgisch eine andere Farbe zu verleihen.
Imponierend ist bestimmt, wie es Hitchcock selbst mit einer kammerspielähnlichen Inszenierung gelingt, seinen typischen Spannungsbogen zu kreieren. Auch wenn "Rope" plottechnisch seine kleinen Makel haben mag, so ist der Film dennoch ein technisch hervorragender Film und ein wichtiger Vorreiter von Filmen wie "Timecode" (Mike Figgis, 2000) oder "Russian Ark" (Alexander Sokuro, 2002), die das Handwerk des schnittlosen Films weiter ausbauten und perfektionierten.