Freitag, 3. Juni 2011

Kafka und Haneke

Das Schloß
(Michael Haneke, 1997)

Während eines späten Winterabends trifft der bestellte Landvermesser K. (Ulrich Mühe) in einem, an ein gräfliches Schloss gebundenes, Dorf ein und sucht ein Quartier für die Nacht. Obwohl alle Zimmer belegt sind, gestattet der Wirt des Brückenhofes (Otto Grünmandl), des örtlichen Wirtshauses, dem zu so später Stunde noch Reisenden im Ausschank seines Gasthauses zu nächtigen. K. nimmt das Angebot an und legt sich auf einer Bank nahe den Bauern, welche den Abend im Brückenhof trinkend verbringen, hin, um sich auszuruhen, schon bald wird er jedoch von Schwarzer (Martin Brambach) aus dem Schlaf gerissen und unfreundlich darauf hingewiesen, dass der Aufenthalt im Dorf nur mit Genehmigung des Schlosses erlaubt sei. Als K. erwidert, dass er der bestellte Landvermesser sei, reagiert Schwarzer mit Missgunst, denn, so sagt er, wisse er nichts von einem Landvermesser. Erst nach zwei Telefonaten mit dem Schloss erweist sich K.s Aussage als wahr, woraufhin ihm die Nächtigung gewährt wird. Am nächsten Morgen treffen K.s Gehilfen Artur (Frank Giering) und Jeremias (Felix Eitner) ebenfalls im Brückenhof ein und gestehen, ganz zum Ärger K.s, die für die gemeinsame Arbeit benötigten Gerätschaften vergessen zu haben. K. versucht daraufhin mit dem Schloss in Kontakt zu treten, was auch gelingt, geholfen wird ihm jedoch nicht. Erst durch den privaten Boten Barnabas (Andre Eisermann), welcher an jenem Tag ebenfalls erstmals K. aufsucht, wird eine Verbindung zwischen K. und dem hohen Beamten Klamm hergestellt. Dennoch wird K. nicht informiert, wofür er im Dorf eigentlich benötigt wird, außerdem fehlt ihm sowohl das Werkzeug als auch kompetente Gehilfen, um seine Arbeit auszuüben. Verbissen versucht K. fortan an Klamm heranzukommen, ihm seine Anliegen persönlich vorzubringen, doch das mysteriöse Machtkonstrukt des Schlosses scheint unantastbar zu sein und K.s Vorhaben zu vereiteln. Im Herrenhof lernt er eines Abends das Ausschankmädchen Frieda (Susanne Lothar) kennen, eine Geliebte Klamms, zu der er sich ungewöhnlich hingezogen fühlt und gleichzeitig wohl hofft, durch sie mit Klamm in Verbindung treten zu können.

"Das Schloss" (häufig auch "Das Schloß" geschrieben) ist neben "Der Proceß" ("Der Prozess") und "Der Verschollene" einer der drei unvollendeten Romane des 1924 verstorbenen, österreichisch-ungarischen Autors Franz Kafka. Nach einem nervlichen Zusammenbruch und langen Schreibproblemen begann Kafka 1922 mit seinem Roman, als er sich zusammen mit seinem Arzt auf einem Erholungsaufenthalt im tschechischen Spindlermühle am Fuße der Schneekoppe im Riesengebirge befand. Im tief verschneiten Dorf schöpfte Kafka neue Hoffnung und ließ die Atmosphäre seiner Umgebung in sein neuestes Manuskript einfließen. Auch nach seinem Aufenthalt im nordtschechischen Städtchen schrieb Kafka für über ein halbes Jahr weiter an "Das Schloss", musste den Roman allerdings nach einem weiteren Nervenzusammenbruch im September 1922 beiseite legen und gab ihn infolgedessen ganz auf. 1923 übergab er das unvollendete Manuskript seinem langjährigen Freund und Nachlassverwalter Max Brod, welcher es zwei Jahre nach Kafkas Tod gegen dessen Willen veröffentlichte. Zwar existiert ein mündlich an Max Brod weitergegebenes Ende, ein abschließendes Kapitel konnte Kafka jedoch nicht mehr verfassen.

1997 adaptierte Michael Haneke den Roman in Form einer TV-Produktion und besetzte mit Susanne Lothar und Ulrich Mühe zwei Schauspieler, die mitunter auch aufgrund ihrer wiederholten Zusammenarbeit mit Haneke in dessen deutschsprachigen Produktionen (ausgenommen "La Pianiste" [2001], in welchem Susanne Lothar ebenfalls eine Rolle besetzt) heute große Bekanntheit genießen. Auch der erst kürzlich verstorbene Frank Giering, welcher mit Lothar und Mühe noch im selben Jahr für Hanekes "Funny Games" vor der Kamera stand, spielt als Gehilfe K.s eine bedeutende Rolle in "Das Schloß".

Beeindruckend ist, wie es Michael Haneke mit "Das Schloß" gelingt eine weitgehend werkgetreue Verfilmung der Vorlage abzuliefern und gleichzeitig dem ganzen seinen persönlichen Stempel aufzudrücken. Während Haneke einerseits dem Roman in vielen Details treu bleibt (selbst die Kapitel macht er in Form von extrem harten Schnitten im Film erkennbar) und einige Dialoge sogar 1:1 aus Kafkas Vorlage übernimmt, geht er gleichzeitig - wie üblich - sehr sparsam mit musikalischer Untermalung um und zeigt seine Handschrift besonders in den Szenen, in denen die filmische Umsetzung sich von der Vorlage geringfügig distanziert. Im Buch wird zum Beispiel beim ersten Aufeinandertreffen von K. und Frieda, der Geliebten Klamms, K. angeboten, er könne durch ein Loch in der Wand des Herrenhofes blicken, und werde hinter der Wand den in seinem Büro schlafenden Klamm erblicken. In der Vorlage wird beschrieben: 
"An einem Schreibtisch in der Mitte des Zimmers, in einem bequemen Rundlehnstuhl, saß, grell von einer vor ihm hängenden Glühlampe beleuchtet, Herr Klamm. Ein mittelgroßer, dicker schwerfälliger Herr. Das Gesicht war noch glatt, aber die Wangen senkten sich doch schon mit dem Gewicht des Alters ein wenig hinab. Der schwarze Schnurrbart war lang ausgezogen. Ein schief aufgesetzter, spiegelnder Zwicker verdeckte die Augen." [S. 44]*
Der Blick durchs Guckloch in Hanekes "Das Schloß"
Obwohl Haneke den auktorialen Erzähler Kafkas beibehält, bricht er dieses Schema der Allwissenheit in vereinzelten Szenen, wie zum Beispiel auch hier beim Aufeinandertreffen K.s und Friedas. Obwohl der Blick durch das Guckloch auch bei Haneke vom Protagonisten gewagt wird, bleiben wir in Unwissenheit, was oder wen er dort hinter der Wand denn erblickt hat. Während bei Kafka diese Wand zwischen K. und Klamm einerseits zwar als Ausdruck eines unüberwindbaren Hindernisses dient und die Beschreibung Klamm gleichzeitig für den Leser erstmals real und menschlich werden lässt, spielt die Szene in der Verfilmung eine etwas andere Rolle. Haneke vermeidet die Beschreibung des Beamten bewusst, damit in seiner Adaption mit fortlaufender Handlung die Unantastbarkeit Klamms noch schwerer ins Gewicht fällt. Hier scheint Hanekes Stil deutlich durch, denn das nicht-visuelle Wiedergeben von Schlüsselszenen ist ein Markenzeichen seinerseits, man denke nur an "Benny's Video" (1992) oder "Funny Games" (1997). Bei Kafka ist es zwar auch Klamm, dessen Begegnung von K. angestrebt wird, allerdings ist das Hauptaugenmerk nicht er, sondern die gesamte autoritäre, undurchschaubare Hierarchie und Bürokratie des Schlosses. Bei Haneke steht der Name "Klamm" praktisch als Synonym dafür.

Die Verführung in der Schule - Hanekes "Das Schloß"
Auch das Motiv der Sexualität kommt bei Haneke verstärkt zum Vorschein, während es bei Kafka - zeitgemäß - im Grunde ausgeklammert beziehungsweise nur angedeutet wird. Im Roman empfinden ungewöhnlich viele Frauen eine Zuneigung zu K., selbst Außenstehende, wie eine Schwester des Boten Barnabas oder das spätere Ausschankmädchen Pepi im Herrenhof fühlen sich zu ihm hingezogen. Zwar verarbeitet auch Haneke diese Tatsache in seinem Film, jedoch drückt er durch die Darstellung der Sexualität einen Aspekt aus, welcher bei Kafka lediglich durch Dialoge angerissen wird. K. ist fähig seine Mitmenschen bis zu einem gewissen Grad zu manipulieren, was im Film in zwei Szenen besonders stark zur Geltung kommt. K. verführt Frieda zweimal: Beim ersten Mal gleich nach ihrem Kennenlernen noch im Ausschank des Herrenhofes; beim zweiten Mal in einem leeren Klassenraum der Schule, in der K. als Schuldiener tätig ist. In beiden Fällen handelt es sich praktisch um riskante Tabubrüche: im ersten Fall verkehren sie im Raum neben Klamms Büro (in welchem er schläft), im zweiten Fall wird der Akt sogar durch einen den Raum betretenden Schüler unterbrochen. Das beinahe Jelinek'sche Motiv der sexuellen Manipulation findet sich bei Haneke laufend, nicht nur in der Jelinek-Verfilmung "La Pianiste" (2001).

Hervorzuheben ist abermals, wie großartig es Haneke gelingt, Kafkas Stil filmisch umzusetzen. Bereits die winterliche Kulisse - von Jirí Stibr perfekt eingefangen - gibt die Atmosphäre des Buches eindrucksvoll wieder. Auch das Szenenbild überzeugt durch seine üppigen, vom Alter gezeichneten Holzhütten. Besonders positiv ist zu vermerken, dass Haneke nicht das mündlich überlieferte Ende selbst zu interpretieren, umzusetzen und an den Film zu hängen gewagt, sondern sich aufs Wort genau an die Vorlage gehalten hat. So ist "Das Schloß" ein zu unrecht häufig übersehener Film Hanekes und gleichzeitig neben Orson Welles' "The Trial" (1962) die einzige - mir bekannte - wirklich gelungene Verfilmung eines Werks Kafkas.

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